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Häusliche Gewalt – … und das Schweigen danach!

In diesem Blog-Beitrag schreibt Claudia Lang von der Claudia-Lang-Akademie über Häusliche Gewalt.

Traurig genug, dass häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder (also körperlich unterlegene Personen) in der Vergangenheit eine nicht weiter zu beachtende Selbstverständlichkeit war, und in der Gegenwart zwar langsam ihre angemessene Anprangerung findet, aber Berichten zufolge und vor allem auch in meiner beruflichen Praxis drastisch zunimmt. Vermutlich aber waren die Dunkelziffern immer schon gleich hoch, nur dass im letzten Jahrzehnt mehr darüber verlautbart wird. – Nicht zuletzt dank mutiger Frauen, die sich öffentlich dazu bekennen, selbst von derartiger Brutalität und Schmerzzufügung betroffen gewesen zu sein!

Man sollte meinen es wäre die Schmach bei denjenigen zu finden, die eine solche Gräueltat begehen, aber mit Nichten. Noch immer scheint es, als müsse sich die Frau dafür schämen, dass ihr dergleichen angetan wurde. Dabei wären es doch die Täter, die in ihrer haarsträubenden Unsicherheit und in ihrem desaströsen Selbstwertmangel, aber auch in ihrer oft unterirdischen Gesinnung (religiös oder anderweitig gefärbt), Verfinsterung über ihr eigenes Dasein bringen, und vor allem dringenden Bedarf an professioneller Reflexion und Eigentherapie hätten. Das eigene Aggressionsmanagement stimmt bei solchen Typen schlichtweg nicht. Und auch ihre Schmerz-Toleranz lässt zu wünschen übrig.

Was ein Kind im Laufe seines Großwerdens unter anderem lernen darf, ist eine gewisse Frust- und Schmerz-Toleranz aufzubauen. Will heißen, mit negativen Erlebnissen und Misserfolgen sozialer, emotionaler und leistungsbezogener Art, zivilisiert umgehen zu lernen. Setzt eine gewisse emotionale Selbstkontrolle voraus und auch ein ausreichend vorhandenes Selbstwertgefühl. Das klassische „Ich-bin-o.k-Bewusstsein“ also. Wird das in der prägenden Phase der Kindheit falsch oder gar nicht bzw. negativ festgelegt, schlagen ausgewachsene Mannsbilder schon mal vor Jähzorn und Anmaßung sowie Ego-Allüren um sich. Ein Benehmen das man einem grantigen und hysterischen Kind nicht durchgehen ließe, aber in unserer Gesellschaft bei einem Erwachsenen nach wie vor totgeschwiegen, bagatellisiert und ausgeblendet wird. Irgendwie schwingt doch immer noch so etwas mit wie „Na wer weiß, wie die sich aufgeführt hat…!?“ (vielleicht hat sie es ja verdient!?), oder „Wer weiß was da wirklich gelaufen ist…?!“, als ob das einen Unterschied machen würde für die Tat an sich.

Wird eine Frau von ihrem Mann geschlagen, unterstellt man ihr häufig unterschwellig immer noch eine Art „Mitschuld“. Wird eine Frau vergewaltigt überlegt man, ob sie vielleicht „zu aufreizend“ gekleidet war. Gehen junge Mädchen in eine Discothek oder ein Szene-Lokal, muss man ihnen eigentlich einen mehrseitigen Verhaltens- und Regel-Katalog mitgeben, bei dem was alles passieren kann, und wie man derlei Vorkommnisse weitgehend verhindern kann. Wie viel Unbefangenheit und Spaß junge Frauen dann noch beim Fortgehen haben können, sei dahingestellt. In manchen Fällen zweifelt man überhaupt an, ob die Aussage der malträtierten Frau stimmen kann. Hinzukommt, dass Frauen denen ein solches Schicksal nicht erspart blieb, von vielen Menschen mit einem überheblichen Mitleidsblick angesehen werden, in dem man lesen kann: „Bist halt ein armes Hascherl,… wieder so eine unterdrückte Frau die sich keinen anständigen Mann finden konnte…“ und ähnliches. Sogar Menschen die dafür abgestellt wären Opfern solcher Handlungen zu helfen und die nötige Sicherheit zu ermöglichen (Polizei, Richter, etc.), stellen sich manchmal prophylaktisch auf die Seite der Täter – weil: „Wer weiß ob das auch wahr ist, was die Frau da behauptet…!?“

Eine Klientin stand nach ihrer Scheidung von einem diagnostizierten psychopathischen und gewalttätigen Akademiker-Ehemann vor einer Richterin, und bat um nachhaltige Wegweisung in Form eines Annäherungsverbots. Die ersten Worte dieser Richterin waren: „Wer sagt mir denn, dass das stimmt was sie da behaupten! Wenn ich so etwas erlasse, färbt das mitunter die Karriere des Herrn Doktor XY, und kann sein Leben negativ beeinträchtigen. Haben sie denn ein Schmerzprotokoll geführt?! – Wo sind die polizeilichen Anzeigen, und ärztliches Dokumentationsmaterial!?“ Diese Frau war angesichts dieser Aussage verständlicherweise fassungslos, und ging resigniert von dannen. Wer denkt denn in so einem Moment daran ein „Schmerz-Protokoll“ zu führen. Wer kann Aufzeichnungen zu solch brutalen Vorkommnissen führen, als wäre es so etwas wie das Eintragen einer sich regelmäßig wiederholenden Unternehmung! Während alles in einem zerbricht, man kaum dazu in der Lage ist, die Tatsache, dass einem so etwas gerade widerfahren ist zu verarbeiten – ausgerechnet von dem Menschen dem man bis dato vertraut hat und den man geliebt hat, und von dem man annehmen durfte, dass er einen auch liebt und man bei ihm in Sicherheit wäre – soll man also dann Buchführen darüber wann was geschehen ist, und vielleicht noch um welche Uhrzeit zugeschlagen wurde…!?

Eine andere Klientin hatte tatsächlich auf anraten ihres Anwalts, rückblickend ein solches „Schmerzprotokoll“ aufgesetzt, und man hat ihr dann vor Gericht unterstellt, dass genau aufgrund dessen, das Ganze etwas „gestellt“ und „aufgesetzt“ wirke.

Eine Polizistin deren Mann ebenfalls Polizist war und sie schlug („nur“ 2 mal!), wandte sich vertrauensvoll an einen Kollegen um Hilfe. Dieser und zwei weitere männliche Kollegen erklärten, dass sie nicht gegen einen Kollegen vorgehen können/wollen, denn was wenn da nichts dran sei…! Sie billigten ihr indem Gespräch allerdings zu, dass auch die Kollegen ihn für einigermaßen cholerisch hielten, aber daraus können sie keine Beweise ableiten. Man riet ihr weiters, sie möge das „nächste Mal“ ein Foto davon machen, dann könne man was in die Wege leiten. „Das nächste Mal“…!? Seltsam, dass diese Frau/Polizistin das „nächste Mal“ nicht abwarten wollte, und die Scheidung einreichte, was sich schwierig genug gestaltete, zumal der gute Ehemann der Meinung war, dass ER ihr schon sagen werde, wann und ob geschieden wird.

Eine überaus attraktive und fleißige Geschäftsfrau, aus tatsächlich gutem Hause und mit erstklassiger Bildung sowie einer liebevollen Herkunfts-Familie, führt vier Jahre lang eine stinknormale Ehe. Bis sie eines Tages ihren Mann zur Rede stellt, und ihn fragt, ob er eine Außenbeziehung führe, da sie mehrere Anzeichen dafür wahrgenommen hätte. Sie bittet ihn um die Wahrheit, und stellt gleichzeitig eine zivilisierte Trennung in Aussicht, im Falle dass es tatsächlich so sei. Der Ehemann dementiert zuerst vehement, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass alles ihrer paranoiden Fantasie entspringe. Wenige Wochen später, konfrontiert ihn seine Frau mit Fotos von ihm und seiner Liebschaft in eindeutigen Posen und Situationen. Sie bleibt immer noch ruhig und bietet ihm erneut die Trennung an. Sie hätte sich von ihm erwartet, dass er mit ihr zumindest ein aufrichtiges Gespräch gesucht hätte, ihr mitgeteilt hätte, was ihm an ihrer gemeinsamen Ehe missfällt oder abgeht, anstatt sich gleich in eine Außenbeziehung zu stürzen. Als sie ihm mitteilt, dass sie eine Weiterführung der Ehe als nicht mehr vorstellbar erachtet, und von einer einvernehmlichen Scheidung spricht, schlägt der gute Mann unvermittelt zu.

Ein anderer Mann unterhält seit über acht Jahren ein sexuelles Verhältnis mit der besten Freundin seiner Frau. Fährt mit dieser sogar heimlich unter dem Vorwand einer Geschäftsreise auf Urlaub. Irgendwann rutschen die Fotos von deren Urlauben, in die Sammlung der Urlaubsfotos seiner Frau und ihren beiden Kindern. Da seine Frau dabei war, ein Fotobuch für Weihnachten für ihn zusammenzustellen, stieß sie über die eindeutigen Bilder und reichte kurzer Hand die Scheidung ein. Gegen die Scheidung nicht sonderlich intervenierend, nahm der Mann diesen Verlauf zur Kenntnis. Nicht ohne jedoch seiner Frau den Vorschlag zu unterbreiten, eine Beziehung zu Dritt zu führen, zumal sich ja ohnehin alle gut verstehen würden. Die betrogene Frau war davon erstaunlicher Weise nicht zu überzeugen. Drei Monate vor Weihnachten hatte er allerdings seiner Ehefrau einen teuren Ring zu ihrem Geburtstag geschenkt, und im Zuge der Scheidungsverhandlungen verlangte er diesen zurück, mit der Begründung: Wenn er gewusst hätte, dass sie sich so kurz nach diesem Geschenk scheiden lassen will, hätte er nicht soviel Geld dafür ausgegeben! Als sich die betrogene Frau weigerte den Ring zurückzugeben, jagte der gute Mann seine Noch-Frau solange um den zwölfsitzigen Esstisch, bis er sie an den Haaren erwischte und würgte bis sie blau anlief. Er lies ab, nicht etwa weil er sich doch noch eines Besseren besann, sondern weil seine sechzehnjährige Tochter von der Schule heimkam, und den Raum betrat. Selbstverständlich wurde beim Scheidungsverfahren dennoch alles bestritten, weil er damit rechnete, dass seine zukünftige Ex-Frau nicht ihre Tochter vor Gereicht schleifen würde. – Falsch gedacht. Und natürlich machte er seiner Ex-Frau den moralischen Vorwurf, dass sie es sei, die nicht genug Liebe und Fürsorge für ihre gemeinsame Tochter aufbrächte, um ihr einen Auftritt vor Gericht zu ersparen. Von der Tatsache, dass er die Mutter der gemeinsamen Tochter wegen eines Schmuckstücks würgte, keine Rede. War ja alles ihre Schuld, denn sie hätte ja nur den Ring rausgeben müssen.

Diese und unzählige andere Beispiele belegen, dass es keineswegs das Schicksal von „schwachen Frauen der Unterschicht“ ist, mit häuslicher Gewalt in Berührung zu kommen! Nein, es kann tatsächlich JEDER FRAU passieren.

Man braucht dazu nicht zwingend eine familiäre Vorbelastung, muss nicht unbedingt einer bildungsfernen Gesellschaftsschicht entspringen, muss kein unterwürfiges lebensunfähiges Frauchen sein, um dass einem so etwas Schlimmes geschehen kann.

Nicht diese Frauen sind es die sich schämen sollten, auch wenn sie es leider immer noch tun. Sondern diejenigen die Zuschlagen, sollten sich was schämen und dafür gefälligst Sorge tragen, dass sie lernen sich in ihrer eigenen Gewalt und Beherrschung zu halten.

… und das Schweigen danach!

Wir wundern uns immer wieder darüber, warum Frauen die geschlagen wurden, denen anderweitig Gewalt oder auch seelische Grausamkeit angetan wurde, meistens schweigen. Dabei dürfte es eigentlich gar nicht weiter verwundern:

Wir unterstellen ihnen Mitschuld, wo sie gar keine haben.

Wir sehen weg, wo wir als Gesellschaft aufgefordert sind, hinzuschauen und laut zu werden. – Und damit sind keine Hetzjagden auf unschuldige Männer gemeint, sondern echte und von Herzen kommende Solidarität geschlagenen Frauen gegenüber.

Wir sehen mitleidig auf sie herab, anstatt ihnen zu signalisieren, dass ihnen so etwas Schreckliches niemand hätte antun dürfen!

Wir pflegen ein juristisches System, dass mehr Hürden als Hilfen zur Verfügung stellt, weil wir nach wie vor lieber Männer vor Falschbeschuldigung beschützen, als Frauen vor den Schlägen und dem Psychoterror Zuhause!

Wir degradieren sie als schwache Hascherln, obwohl die meisten von ihnen sehr gut oder sogar noch besser ohne einen solchen Versager zurecht kommen.

Wir reden und spekulieren hinter ihren Rücken, ob nicht alles ganz anders war, und bezichtigen sie somit der Lüge, obwohl die Wahrheit tragisch genug ist.

Wir stigmatisieren sie als „die geschlagene Frau“, als ob das deren Makel wäre, und nicht der Makel der Täter!

Und dann wundern wir uns, wenn sie vor lauter Schmerz, Resignation und innerem Zerbrochen-Sein bei so einer gesellschaftlichen Haltungeinfach schweigen!?

Und noch einen Grund gibt es, warum Frauen meistens erst mal darüber den Mantel des Schweigens hüllen:

In dem Moment wo zugeschlagen wurde, wurde eine unabänderliche neue Realität geschaffen. Dieser Frau wurde eine Zwangsmitgliedschaft in dem „Club der geschlagenen Frauen“ zugemutet. – Eine solche Mitgliedschaft wählt keine Frau freiwillig, und niemand möchte dort dazugehören. Und dennoch kannst du das aus deiner Biografie nie wieder wegmachen. Es gehört ab jetzt als traurige Tatsache zu deiner Vita. Wer möchte mit so einem Schmerz schon hausieren gehen? – Zumal es als innere Reaktion in Schockmomenten zuerst mal Verdrängen gibt, weil man so etwas gar nicht richtig verarbeiten kann.

Angesichts dieser Tatsachen, wie muss es dann erst in einem misshandelten Kind, das meist gänzlich abhängig von seinen Peinigern ist, gehen!? Wie holt man sich als Kind Hilfe, wenn der Vater zuschlägt, und die Mutter wegsieht – oder umgekehrt!? Wenn Frauen schon auf solche Hürden und Barrieren stoßen bei der Suche nach Befreiung und Sicherheit, wie ergeht es dann erst einem von Gesetzes wegen unmündig erklärtem Kind!?

Und ja, keine Frage, es kann immer vorkommen, dass eine Frau oder auch fast erwachsene Jugendliche einfach aus Rache oder charakterlicher Verkommenheit heraus, einen Mann zu Unrecht anschwärzen, obwohl er nichts dergleichen getan hat.

Und nein, das ist keinesfalls gut zu heißen und gehört ebenso angemessen geahndet und zur Rechenschaft gezogen. Denn das haben die anständigen und souveränen Männer mit Sicherheit nicht verdient. Aber die eine oder andere Frage sei angesichts der Tragweite des Themas erlaubt:

Ist es deshalb besser, dass wir „sicherheitshalber“ es den Opfern von solchen Täterschaften so schwer wie möglich machen, zu ihrem Recht, zu ihrer Würde und vor allem zu ihrer wohlverdienten Sicherheit zu kommen?

Es wird immer das Restrisiko der Lüge und der absichtlichen Diffamierung geben – aber hat schon mal jemand einen zu Recht angeklagten Mann von Übergriffigkeit, körperlicher Gewaltanwendung oder sexueller Belästigung gefragt, wo sein „Unschulds-Protokoll“ und seine „Beweise“ für die Nichthandlung sind?!

Wie viele unschuldig angeklagte/angeschwärzte Männer, stehen wie vielen nicht geschützten und nicht gehörten geschlagenen Frauen tatsächlich gegenüber!?

Wir sind uns wohl einig, dass Einmischung in Vorkommnisse von Paarbeziehungen eine zutiefst heikle und meist voreilige Angelegenheit ist. Wir sind uns aber vielleicht auch einig, dass in den meisten Fällen wo Frauen um Hilfe schreien, und endlich den Mut finden ihr Schweigen zu brechen, nicht aus Jux und Tollerei entspringen.

Was es daher dringend braucht:

Dass wir aufhören, auf geschlagene Frauen herabzublicken. Mitgefühl statt überheblichem Mitleid!

Dass wir ihnen Stimme geben und diese begrüßen, wenn sie es endlich geschafft haben, zu reden.

Dass wir andere und vor allem einfachere Gesetzesgrundlagen schaffen, Schutz rasch und unbürokratisch zu gewähren.

Dass wir nicht in eine falsch verstandene Täterschutz-Prophylaxe kippen, wo Handlungsbedarf auf Seiten der geschädigten Frauen besteht!

Dass wir aufhören so zu tun, als ob die Existenz von Frauen-Häusern die Lösung des Problems wäre. Jetzt bist du schon in so einer unzumutbaren Situation, und dann wird dir als Lösung angeboten, mit ein paar Habseligkeiten in ein Frauenhaus zu ziehen!? Fremde Umgebung, null Geborgenheit und ein deprimierender Umgebungsstandard, den man in so einer Situation kaum ertragen kann! – Nicht die Opfer gehören weggesperrt, sondern die Täter von den Straßen entfernt!

Und selbstverständlich braucht es in Wahrheit das sehende Gegenteil von allem was voran an Missständen beschrieben wurde.

Es ist eine wichtige Leistung in jedem von uns, die eigene Haltung Frauen mit solchem Schicksal gegenüber ehrlich zu reflektieren und behutsamer mit vorschnellen Meinungen zu sein!

Was wenn es deine Tochter wäre, der so etwas widerfährt!?

Was würdest du dir dann von jedem von uns und vom System wünschen?!